Träume von der Schule als Lebensraum: Viel mehr als "pauken, pauken, pauken"
04.05.2003: Main-Echo; 4. Mai 2oo3
Unterfränkische Schülersprecher: "Vom Lehrer einmal bestärkt werden"
Würzburg. Die Schule, von der Unterfrankens Schülersprecher träumen, bietet Lebensraum für alle - für Schüler, Eltern und Lehrer. Es ist eine Schule, die Spaß macht, ohne eine "Spaßschule" zu sein. Von dieser Traumschule ist man in Unterfranken noch weit entfernt, stellten rund 30 Schülervertreter fest, die sich am Wochenende im Würzburger Jugendkulturhaus Café Cairo zum Austausch trafen.
Schule macht so lange keinen Spaß, solange Lehrer demotivieren anstatt zu motivieren, stellte ein Mitglied der Schülermitverantwortung (SMV) beim Meinungsaustausch in Würzburg fest. Wie schön wäre es, einmal vom Lehrer angefeuert, bestärkt zu werden. "Statt dessen wird uns vor Augen gehalten, was für ein mieser Jahrgang wir sind, und dass der Lehrer schwarz sieht für unser Abi."
Mehr Demokratie gewünscht
Vieles vermissen die SMV-Mitglieder an ihren Schulen, kam bei dem vom "Club unterfränkischer Schülerinitiativen" organisierten Treffen heraus: Motivation, Kooperation zwischen Lehrern und Schülern, gerechte Notenvergabe, sinnvollen Unterrichtsstoff, Zeit für Gespräche und vor allem Demokratie.
In Bayern, beklagten die Schülervertreter, hätten Schüler keine rechtlich verankerte Möglichkeit, den "Lebensraum Schule" mitzugestalten. Manchmal dürfe man im Schulforum zwar seine Meinung sagen. Die Entscheidungen träfen jedoch fast immer die anderen: "Eben Lehrer und Eltern."
Schule, steht an der mit gelben Karteikärtchen gespickten Packpapierwand, werde allzu oft auf "pauken, pauken, pauken" reduziert. "Die Noten scheinen alles zu sein und sind in Wirklichkeit ein Instrument, das vieles zerstört", sagte die 18-jährige Carolin aus der Aschaffenburger Maria-Ward-Schule: "Der Notendruck führt zu Konkurrenzsituationen innerhalb der Klasse und dies wiederum ist der Grund für das teilweise sehr Verhältnis zwischen den Schülern."
Zensur beklagt
Für Carolins Sitznachbarn ist es völlig "sinnlos", in einer Zeit, in der via Internet in Sekundenschnelle Informationen zu jedem Themengebiet abgerufen werden könne, weiterhin seitenweise Fakten zu pauken. Dass Schüler dies so empfinden, interessiere jedoch keinen Lehrer, stimmten ihm die anderem aus der Runde zu. Überhaupt werde zu viel Einmischung und Mitmischen-Wollen von Lehrerseite nicht gewünscht: "Nicht einmal die SMV-Arbeit wird geschätzt, und wenn wir zu Klassensprecher-Versammlungen gehen, bekommen wir unterstellt, wir wollten nur den Unterricht schwänzen."
Für Bezirksschülersprecher Georg Frankl vom Aschaffenburger Kronberg-Gymnasium ist darüber hinaus besonders bitter, dass nicht einmal in der Schülerzeitung die Meinung der Schüler frei geäußert werden dürfe. Jede Schülerzeitung unterliege der Zensur des Direktorats, Schulthemen könnten deswegen nicht kritisch und objektiv behandelt werden, so der 17-Jährige. Nichts, was den "Ruf der Schule" auch nur im Entferntesten schädigen könnte, kritisiert auch die Landesschülervertretung Bayern, dürfe in einer Schülerzeitung gedruckt werden.
Die Traumschule, deren Bild die knapp 30 Schülerinnen und Schüler in Würzburg entwarfen, ist eine Lebensraum-Schule, die ohne "unanzweifelbare, rechthaberische Autoritäten" auskommt. Es ist eine Schule, an der sich alle engagieren und in einen konstruktiven Dialog treten, egal, wie alt oder wie erfolgreich sie sind.
"Und es ist eine Schule, in der Mädchen und junge Frauen nicht länger diskriminiert werden", betonte Carolin. Bücher mit Mathe-Textaufgaben, bei denen die Mutter grundsätzlich auf dem Markt Gemüse und der Vater beim Reifenhändler Autoreifen einkaufen geht, seien in einer solchen Schule entrümpelt.
Landesvertretung gefordert
Die beim Würzburger Treffen erörterten Themen werden bei der nächsten Bezirksaussprachetagung der Schülersprecher weiter diskutiert. Bayernweites Ziel der Bezirksschülersprecher aus den acht Schulaufsichtsbezirken der Gymnasien ist es, eine Landesschülervertretung im Schulgesetz zu verankern. Bayern ist das einzige Bundesland, in dem es noch keine gesetzlich anerkannte Schülervertretung gibt. pat
Main-Echo, 4. Mai 2oo3

