Deutsch Mathematik und eine Fremdsprache
06.05.2003: Reform der gymnasialen Oberstufe
Die Bildungskommission der Staatsregierung debattiert über drei verpflichtende Fächer im Abitur
Von Christine Burtscheidt
München - So wie in diesem Jahr werden die knapp 27000 bayerischen Abiturienten künftig nicht mehr ihre Allgemeine Hochschulreife erwerben, mit drei schriftlichen Prüfungen und einer mündlichen in zwei Leistungs- und zwei Grundkursen und das mehr oder minder nach freier Wahl. Schon im Herbst kündigen sich Veränderungen an. Kurse sollen dann wieder Fächer heißen und die Facharbeit zur Seminararbeit werden. Die weitaus gewichtigere Reform steht jedoch in der nächsten Legislaturperiode an. Dann sollen Schüler das Abitur verpflichtend in Deutsch, Mathematik und einer fortgeführten Fremdsprache schreiben. Auch werden sie mehr Kenntnisse in den Naturwissenschaften sowie in Wirtschaft, Erdkunde und Sozialkunde erwerben müssen. Zudem ist daran gedacht, alle "in der Kursphase erbrachten Leistungen" im Abitur zu werten.
Diese Neuerungen gehen aus einem Eckpunkte-Papier der "Bildungskommission Gymnasium" hervor. Die 20-köpfige Expertenrunde, die im Auftrag der Staatsregierung zusammengesetzt wurde, um "Vorschläge für eine Reform des bayerischen Gymnasiums" zu erarbeiten, will darüber auf ihrer nächsten Sitzung am kommenden Freitag beraten. Bereits nach der Landtagswahl, im November, soll der Abschluss-Bericht vorgelegt werden. Dann wird ein neues Kabinett darüber entscheiden müssen.
Wie so häufig in der Politik sind die Eckpunkte der bislang kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die Mitglieder in der Bildungskommission mit ihren zum Teil äußerst kontroversen Ansichten einigen konnten. Die Fronten verlaufen zwischen den Vertretern der Hochschulen und der Wirtschaft (siehe Interview), die gravierende Eingriffe wie ein Abitur in fünf Fächern fordern, und Eltern, die der Meinung sind, dass sich bis auf die Einführung neuer Unterrichtsmethoden nicht wirklich etwas ändern muss. Konsens herrscht allein darüber, dass der Vermittlung von purem Fakten- und Detailwissen künftig entgegen gewirkt werden muss. In den Eckpunkten ist von einem "Grundwissenskatalog" für jedes Fach in allen Jahrgangsstufen die Rede. Darüber hinaus soll mehr Zeit im Unterricht zur Förderung leistungsschwacher und leistungsstarker Schüler bleiben.
Bei der Zahl der verpflichtenden Abiturfächer sind nun Deutsch, Mathematik und eine fortgeführte Fremdsprache im Gespräch. Englisch soll das sein. Vertreter der Hochschulen und der Wirtschaft wünschen sich mindestens auch noch Latein. "Hier darf es keine Wahlfreiheit geben", sagen sie. Die Landesschülervertretung lehnt das jedoch kategorisch ab. Sie fordert generell mehr statt weniger Kombinationsmöglichkeiten bei der Zusammensetzung der Abitur-Fächer. Ähnlich die Landeselternvereinigung an bayerischen Gymnasien. Sie willigt überhaupt nur dann in Mathematik und Deutsch als verpflichtende Püfungsfächer ein, "sofern das europäischer Standard" wird.
Noch strittiger aber ist die Debatte über die flächendeckende Einführung des achtjährigen Gymnasiums wie sie in anderen Bundesländern wie Baden-Württemberg bereits beschlossene Sache ist. Eltern, Schüler und Lehrer befürchten dadurch einen Qualitätsverlust. "Eine Verkürzung der Schulzeit geht nur zu dem Preis, dass wir die Qualität des Abiturs nicht halten können", meinen sie. In dem Eckpunkte-Papier ist deshalb lediglich von einem "Ausbau der G8-Modelle" die Rede. Als Kompromiss ist aber auch ein 13.Schuljahr im Gespräch, das Schulen und Hochschulen gemeinsam gestalten. Entschieden wird darüber nach der Landtagswahl.
Süddeutsche Zeitung, 6. Mai 2oo3

