Ohne Sozialkunde zur Mittleren Reife
20.05.2003: Pädagogen und Unternehmer kritisieren zu wenig politische Bildung an Bayerns Schulen
Pädagogen und Unternehmer kritisieren zu wenig politische Bildung an Bayerns Schulen
Von Uwe Ritzer
München – Vor zwei Wochen hat Paul Siebertz wieder einmal mit Schülern diskutiert. Zwei Stunden lang, mit, wie er betont, sympathischen Kollegiaten eines Leistungskurses Wirtschaft und Recht an einem Münchner Gymnasium. Hernach war der langjährige Vorstand der HypoVereinsbank und Ex- Vizepräsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBM) frustriert. Seine jugendlichen Gesprächspartner hätten „vom politischen Tagesgeschehen nur wenig Ahnung” gezeigt, sich „mit internationalen politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen kaum auseinandergesetzt”, und wenig Neugierde an Staat und Wirtschaft an den Tag gelegt. Obendrein würde kaum einer regelmäßig Zeitung lesen.
Max Schmidt, der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbandes, hat Gegenteiliges beobachtet. Seien nicht bayerische Schülerinnen und Schüler Triebfedern der großen Demonstrationen gegen den Irak-Krieg gewesen? „Da sieht man doch, dass diese Jugendlichen sich verantwortungsbewusst für Politik interessieren”, meint Schmidt und folgert: So schlecht könne die politische Bildung an bayerischen Schulen also gar nicht sein.
Es ist eben alles eine Frage der Wahrnehmung. Wie auch bei der anstehenden gymnasialen Oberstufenreform. Das Fach Sozialkunde, in dem vor allem gesellschaftliches und politisches Wissen vermittelt werden soll, wird künftig in der elften Klasse zweistündig unterrichtet – gegenüber bisher anderthalb Schulstunden in Jahrgangsstufe zehn. Was einerseits eine Ausweitung ist, bedeutet andererseits, dass künftig Gymnasiasten die höchste allgemeinbildende Schule nach der zehnten Klasse mit dem Zeugnis Mittlerer Reife verlassen können, ohne in ihrer Schullaufbahn auch nur eine Stunde in Sozialkunde unterrichtet worden zu sein.
Ob das Volk den Bundeskanzler wählt oder der Bundestag, wie sich der Bundesrat zusammensetzt, was eine Bundesversammlung ist und wie Uno und Nato organisiert sind – „was für jeden Staatsbürger, gleich welchen Beruf er ausübt, wichtig ist, wird überhaupt nicht genug vermittelt”, beklagt Landesschülersprecherin Sonya Popa-Henning. Stattdessen werde in vielen Fächern Fachwissen detailliert gepaukt, das häufig nur ein kleiner Teil der Jugendlichen später noch brauche. Eine Sozialkundelehrerin an einem Gymnasium kritisiert, die von ihrem Dienstherrn per Lehrplan auferlegten Inhalte seien auch künftig nur oberflächlich zu bewältigen: Das politische System der Bundesrepublik, Gesellschafts- und Sozialstruktur, Internationale, Entwicklungs- und bayerische Kommunalpolitik – „man paukt Komplexes im Schnelldurchlauf”.
„Sozialkunde hat im bayerischen Schulsystem nach wie vor nicht den Stellenwert, den Naturwissenschaften oder Fremdsprachen genießen”, beklagt Eugen Eder-Clouston, für Gymnasien beim Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zuständig. In Haupt- oder Realschulen ist der Umfang staatsbürgerlichen Unterrichts nicht selten den persönlichen Schwerpunkten der einzelnen Lehrer überlassen. Paul Siebertz, der als Vertreter der bayerischen Wirtschaft in der Bildungskommission von Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU) sitzt, kritisiert weniger den stündlichen Umfang, als vielmehr den „zu wenig ganzheitlichen Ansatz” des politisch-wirtschaftlichen Unterrichts. „Warum muss eigentlich ein Gymnasiast alle Formen einer Handelsgesellschaft lernen?” Für viel sinnvoller hält Siebertz „eine bessere Vernetzung” von Fächern wie Geschichte, Sozial- und Wirtschaftskunde.
Dann wüssten die Schüler womöglich wieder mehr über das Zusammenspiel staatlicher Politik mit wirtschaftlichen Abläufen und sozialen Systemen. Ob dieses Ziel mit mehr Schulstunden für entsprechende Fächer erreicht werden kann? Für Lehrerverbände gibt es hier ohnehin keinen Spielraum mehr. „Irgendwann ist die Zeit im Stundenplan einfach erschöpft”, sagt GEW-Mann Eder- Clouston. Philologenverbandschef Max Schmidt sieht Bayern in der Stundenaddition von Geschichte, Sozial- und Wirtschaftskunde zwar vor allen anderen Bundesländern, finde sich aber dennoch nur „mit Zähneknirschen“ mit dem Ist-Zustand ab. Man tue immerhin „das Notwendigste“.
Manchmal aber beschleicht Max Schmidt schon ein ungutes Gefühl, ob das „in Zeiten der Politikmüdigkeit und des Misstrauens der Jugend gegenüber Parteien reicht.”
Süddeutsche Zeitung, 2o. Mai 2oo3

