Philologenverband fordert verstärkte Begabtenförderung an den bayerischen Gymnasien
24.04.2002: BPV-Vorsitzender Max Schmidt erläutert Vorschläge des BPV zu den Konsequenzen aus der PISA-Studie für das Gymnasium
Für den Ausbau einer effektiven Begabtenförderung, aber auch eine intensivere Förderung vorübergehend leistungsschwächerer Schüler sowie eine Stärkung des Faches Deutsch hat sich der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbandes (BPV), Max Schmidt, ausgesprochen. Schmidt stellte in München konkrete Vorschläge des Philologenverbands zu Konsequenzen und Handlungsmaßnahmen vor, die sich aus der PISA-Studie für die Gymnasien ergebe.
Wörtlich sagte der BPV-Vorsitzende: "Auch wenn sich die Gymnasiasten im Vergleich mit den entsprechenden Leistungsgruppen anderer Länder besser als Schüler anderer Schularten behaupten konnten und auch wenn der innerdeutsche Vergleich noch nicht vorliegt, so ergibt sich zweifellos aus der PISA-Studie auch an den Gymnasien konkreter Handlungsbedarf." Schmidt nannte in diesem Zusammenhang eine Reihe von Aktionsfeldern:
- die Stärkung des Faches Deutsch und der muttersprachlichen Kompetenz
- die Ausweitung effektiver Begabtenförderung innerhalb der Gymnasien
- die vermehrte Förderung vorübergehend leistungsschwächerer Schüler
- die größere Betonung von Grundwissen und Kernkompetenzen in den Lehrplänen
- die bessere Förderung, aber auch das stärkere Fordern der Schülerschaft
- die Entwicklung von Unterrichtsstrategien, die nachhaltiges Lernen begünstigen
- die Vermehrung spezifisch auf gymnasiale Anforderungsprofile zugeschnittener Fortbildungsangebote und eine bessere professionelle Beratung von Lehrkräften im Unterricht
Stärkung des Faches Deutsch durch verpflichtende schriftliche Prüfung im Abitur
Der BPV-Vorsitzende nahm die unbefriedigenden Ergebnisse der PISA-Studie zum Anlass, den mit 14 Prozent im internationalen Vergleich äußerste geringen Anteil des muttersprachlichen Unterrichts in Deutschland zu kritisieren. Da mache auch Bayern keine Ausnahme. Schmidt betonte. "Die schriftliche und mündliche Sprachbeherrschung sowie die Lesefähigkeit sind aber zentrale Schlüsselqualifikationen für viele andere Kompetenzen, etwa die Fähigkeit modere Medien wie das Internet zu nutzen oder auch mathematische und naturwissenschaftliche Textaufgaben zu lösen." Der BPV-Vorsitzende bedauerte, dass die Stundenausstattung des Faches Deutsch in den derzeit in Arbeit befindlichen neuen bayerischen Lehrplänen erneut gekürzt worden sei. Dies sei angesichts von PISA ein falschen Signal.
Der Philologenverband fordere zudem ein umfassendes Konzept zur Leseförderung an den Gymnasien. Ausdrücklich unterstützte Schmidt die Forderung von Kulturstaatsminister Nida-Rümelin nach einer verpflichtenden schriftlichen Deutschprüfung im Abitur. Dies decke sich mit der Position des BPV, der schon seit langem verbindliche Abiturprüfungen in den Kernbereichen Deutsch, Mathematik und Fremdsprache fordert. Er betont: "Warum Deutschland als fast einziges Industrieland auf eine schriftliche Prüfung in der Muttersprache verzichtet bei der Feststellung der allgemeinen Hochschulreife verzichtet, ist niemandem einsichtig zu machen."
Mehr Begabtenförderung und mehr Hilfe für Lernschwächere
Schmidt übte auch Kritik daran, dass sich Begabtenförderung an Gymnasien bislang häufig auf das bloße Angebot eines schnelleren Durchlaufs, also das Überspringen einer Schuljahres beschränke. Eine besondere Förderung finde in der Regel nicht statt. Es sei aber unsinnig, besonders leistungsfähigen und lernbereiten Jugendlichen weniger Unterricht als anderen zu bieten. Gerade diese müssten - so der BPV-Vorsitzende - verstärkt gefördert werden, etwa durch besondere Wahlangebote, Zusatz- und Pluskurse sowie ergänzende schulische und außerschulische Angebote wie Wochenendkurse, Ferienakademien und Exkursionen, wofür die Schule zusätzlich zum bisherigen Budget Stundenzuweisungen bräuchten. Schmidt fügte erläutend an: "Die PISA-Studie hat erwiesen, dass gerade bei den absoluten Spitzenleistungsgruppen, also in den obersten Kompetenzstufen, Deutschland gegenüber Ländern England, Schweden und Japan das Nachsehen hat. Das muss sich ändern. Die Förderung besonders Begabter ist eine originäre Aufgabe des Gymnasiums."
Die Philologenverband spreche sich aber auch für eine bessere Förderung leistungsschwächerer Schüler an den Gymnasien aus. Leider sei im Zuge der an den bayerischen Gymnasien eingeführten Budgetierung der bisher an vielen Schulen mögliche Förderunterricht für Schüler mit Lernproblemen in den Kernfächern weitgehend zusammengestrichen worden. Gerade in den Anfangsklassen und in den schwierigen Jahrgangsstufen der Pubertät sei aber - so Schmidt - das Angebot von Förderunterricht dringend erforderlich.
Betonung des Grundwissens und nachhaltigen Lernen
Im Rahmen der Überarbeitung der bayerischen Lehrpläne wies der BPV-Vorsitzende auf den Vorschlag des Verbands hin, Grundwissen und Kernkompetenzen zu stärken sowie genügend Zeit für Wiederholungs - und Übungsphasen einzuplanen. Es gelte in diesem Zusammenhang auch die zu starke Einengung mündlicher Leistungserhebungen auf den Stoff einer Schulstunde aufzubrechen, weil es die Tendenz zu "Häppchen- und Inselwissen" fördere und nachhaltiges Wissen erschwere. Insgesamt sprach sich Schmidt für eine Weiterentwicklung der Aufgabenkultur an den Gymnasien aus, wobei anspruchsvolle offene Aufgaben vermehrt Verwendung finden müssten. Der Philologenverbands-Vorsitzende wörtlich:" Nicht die Reduktion, sondern die Steigerung des Anspruchsniveaus muss die Konsequenz aus PISA sein."
Abschließend erinnerte Schmidt allerdings daran, dass alle Bemühungen von Lehrern und Schulen um eine Qualitätssteigerung im Bildungswesen ins Leere liefen, wenn es nicht gelinge, der Bildung in unserer Gesellschaft insgesamt einen höheren Stellenwert zu verschaffen. Dies jedoch könne nur im intensiven gemeinsamen Dialog der entscheidenden gesellschaftlichen Gruppe miteinander gelingen.
Der Philologenverband ist dazu bereit.

