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Stellungnahme der Landesschülervertretung zur Regierungserklärung Monika Hohlmeiers vom 25.o6.2oo3

26.06.2003:

26.06.2003:

Zur begrenzten Aussagekraft derzeitiger Zeugnisnoten

Die Landesschülervertretung e.V. begrüßt, dass von Seiten des Staatsministeriums die unzureichende Aussagekraft von Noten und Zeugnissen erkannt wurde und nun Konsequenzen gezogen werden. Die Aufschlüsselung halten wir für einen sinnvollen Anfang, jedoch kann sie nicht das non-plus-ultra darstellen. Ziffernnoten auf Einzelbereiche sind auch nicht objektiver oder aussagekräftiger als herkömmliche Ziffernnoten. Das Problem bei der Leistungsbewertung liegt nicht speziell in der Aufschlüsselung, sondern in der Note an sich, die systembedingt kein objektives Leistungs- oder Begabungsgutachten darstellen kann.

Wieso ermöglicht man den SchülerInnen kein Lernen ohne Druck, indem man die positive Bewertung bzw. die Defizite mittels verbaler Rückmeldung vermittelt? Die Annahme liegt nahe, dass Ziffernnoten beibehalten werden sollen, um sie zur Sanktionierung und Selektion weiterhin einsetzen zu können. Dies lehnt die Landesschülervertretung entschieden ab.

Notenvergabe – speziell in den Grundschuljahren und unabhängig davon, ob die Noten aufgeschlüsselt sind oder nicht – erhöhen den Druck, nehmen SchülerInnen frühzeitig die Motivation und schaffen für viele eine starke Konkurrenzsituation, die schließlich zu Resignation führen kann.

Zu den „Beobachtungsbögen für die Eltern“

„Beobachtungsbogen“ sollten in erster Linie nicht für Eltern, sondern für die SchülerInnen bereitgestellt werden. Dabei stellen wir nicht die Zusammenarbeit mit den Eltern in Frage, sondern wollen nur nachdrücklich darauf hinweisen, dass es die SchülerInnen sind, die in der Schule sitzen, die Prüfungen schreiben, die benotet werden. Sie sind diejenigen, die primär wissen müssen, nach welchen Kriterien bewertet wird und die Rückmeldung erfahren müssen. Und dies nicht nur mittels zweier Zeugnisse pro Halbjahr, sondern permanent.

Zur „Bewertung personaler Kompetenzen“

Diese ist strikt abzulehnen. Wer setzt die Maßstäbe für eine solche Bewertung? Ist es nicht offenkundig, welcher Subjektivität die Bewertung personaler Kompetenzen ausgesetzt ist?

Eine solche Bewertung sehen wir als weitere Sanktionsmaßnahme, mittels derer versucht wird, SchülerInnen zu disziplinieren. Anstatt ihnen soziale Kompetenzen zu vermitteln, indem man eine (Schul-)Umgebung schafft, in der solche Kompetenzen gefördert und entfaltet werden können, wird restriktiv vorgegangen. Man gibt LehrerInnen ein weiteres Machtinstrument, sich lästiger Verhaltensweisen der SchülerInnen - die durchaus auch an der Lehrkraft geäußerte Kritik sein kann -  zu entledigen und verlangt von SchülerInnen keine eigenständige Persönlichkeitsentwicklung, sondern die unhinterfragte Anpassung an gängige Normen.

Zu Orientierungsarbeiten und Jahrgangsstufentests

Die Rückmeldungen, die sie von Eltern und Lehrern erhalten haben, seien besonders positiv. Leider – oder auch durchaus begründet – werden die SchülerInnen hier nicht aufgeführt. Wir wurden nämlich wieder einmal nicht gefragt, ob wir lernen wollen, was von der wirtschaftlichen Standortabsicherung verlangt wird. Wir sind kein Humankapital, unser Verständnis von Bildung ist die Entwicklung zu kritischen und mündigen Bürgerinnen und Bürgern.

Standards für Bildung sind sinnvoll und notwendig. Sie selbst stellen keinen Druck dar, sondern die Prüfungen, mittels derer die Standards gewährleistet werden sollen und die – zumindest bei Jahrgangsstufentests – durch die Benotung SchülerInnen für auftretende Bildungsschwächen bestrafen; eigentlich sind diese Schwächen nicht bei ihnen zu suchen sind, sondern beim System, bei der Lehrerausbildung, Methodik, Pädagogik. Es ist schließlich die Bildungsqualität, die man damit unter die Lupe nehmen will und nicht die Einzelleistung der SchülerInnen. Es wäre des weiteren wünschenswert, solche Standards gemeinsam mit uns SchülerInnen auszuarbeiten und dies nicht nur im eigenen Land. Die Mobilität der SchülerInnen in Deutschland ist eingeschränkt, Schulwechsel in andere Bundesländer gestalten sich schwierig, da Standards nicht aufeinander abgestimmt sind. Auch hier besteht noch Handlungsbedarf.

Die Straffung des Lehrplans und Konzentration auf Kerninhalte ist in unseren Augen ein richtiger Schritt zu mehr Freiräumen an der Schule.

Zur Qualitätssicherung mittels Schulinnovation

Die Innere Schulentwicklung ist ein sehr lobenswerter Ansatz. Flexiblere Stundentafeln, individuelle Förderung, jahrgangsstufen- und fächerübergreifende Unterrichtsprojekte halten wir für sehr sinnvoll (sie werden auch seit Jahren von den SchülerInnenvertretungen gefordert).

Wenn man jedoch von der Zusammenarbeit zwischen Eltern, LehrerInnen und SchülerInnen spricht, sollte man auch so konsequent sein und sie auf allen Ebenen verwirklichen. So wurden alle Schritte der Planung der Inneren Schulentwicklung ohne Einbindung von uns SchülerInnen getätigt und leider ein weiteres Mal über den Kopf all der SchülerInnen hinweg entschieden, die letztlich von Reformen betroffen sind.

Mehr Freiheiten für Schulen sind sehr wünschenswert, ebenso aber auch demokratische Strukturen, die wie im Staat einer formalen Verankerung bedürfen. Direktorate dürfen nicht die Macht über die Schulen haben, Schulen sind schließlich nicht für DirektorInnen da, sondern für SchülerInnen. So legen wir vor allem auch Wert auf interne Evaluation. Gerade die Beteiligten müssen die Qualität von Schule untersuchen und gemeinsam verbessern.

Zur Integration und zum Umgang mit „schwierigen SchülerInnen“

Wir betrachten Förderschulen wie auch eigene Sprachlernklassen nicht als integrative Strukturen, sondern Mittel der Ausgrenzung. Ebenso stellen Intensivklassen wie auch Clearingstellen weitere Beispiele für Desintegration. Stattdessen sollte man sich mit den SchülerInnen auseinandersetzen – bereits im Vorfeld eklatanter Probleme.

Ausgerechnet an Hauptschulen wird massives Auftreten untragbarer „Störer“ unterstrichen. Wo sind die Gründe dafür? Frau Hohlmeier nennt in ihrer Erklärung soziale Hintergründe und gesteht ihrer Bildungspolitik damit ein, dass der soziale Hintergrund, welcher bei der Selektion nach der vierten Klasse bekanntlich besonders ausschlaggebend für die weitere Schullaufbahn ist, sich auch in solchen Fällen auswirkt. Wieso versucht man nun, „Problemfälle“, die man durch ein desintegratives System geschaffen hat, abzuschieben, sich selbst zu überlassen und als hoffnungslos abzustempeln? Man gibt hier zu, dass Schule nicht dazu imstande ist, mit ihren SchülerInnen zurechtzukommen, ihnen Unterstützung zukommen zu lassen, ihnen Perspektiven zu eröffnen.

Die Möglichkeit, SchülerInnen aus der Schule auszuschließen, spricht nicht gerade für das Vertrauen des Staatsministeriums in die eigenen pädagogischen Konzepte. Kriminalisierung von Jugendlichen und Dramatisierung der Zustände sind leider ein populistisches Mittel, diese Maßnahmen zu rechtfertigen.

Dabei wäre zum einen finanziell bessere Ausstattung der Schulpsychologie, Schulsozialarbeit und der LehrerInnenaus- und fortbildung von Nöten. Die miserable Situation von SchulpsychologInnen in Bayern dürfte bekannt sein, hat doch einE SchulpsychologIn eine große Anzahl von Schulen zu betreuen, hier aber nur wenige Stunden die Woche zur Verfügung, da sie/er zudem noch im ganz normalen Lehrbetrieb tätig ist.

Zum anderen können wir nur immer wieder Offenheit gegenüber der Schulstruktur-Debatte fordern. Wenn das Staatsministerium sich bereits lobt, an Hauptschulen drei verschiedene Abschlüsse anzubieten, so liegt der Gedanke nahe, über ein komplett integratives System nachzudenken. Wieso sollten nicht an einer Schule für alle ebenso alle Abschlüsse angeboten werden, ohne schwierige, oftmals abschreckende Umwege, ohne Selektion und nach individuellen SchülerInnenbedürfnissen?

Die sechsstufige Realschule, ihre Fremdsprachenregelung sowie die Einführung der zweiten Fremdsprache in der 6. Klasse am Gymnasium stellen leider nur eine weitere Verstärkung der Selektion dar und verhindern die Durchlässigkeit von Hauptschulen zu Realschulen und Gymnasien. Die Chancengleichheit wird also immer mehr verringert.

Zur „Stärkung“ der politischen Bildung

Frau Hohlmeier spricht in ihrer Regierungserklärung von einer Stärkung des Sozialkundeunterrichts. Leider verschiebt sich die politische Bildung – zwar mit einer halben Wochenstunde mehr – auf die 11. Klasse, d.h. SchülerInnen, die nach der 9. oder 10. Klasse ein Gymnasium verlassen, kennen womöglich nicht einmal unser Wahlsystem. Erdkunde, Geschichte, Wirtschaft und Recht mögen zwar – wie seitens des Staatsministeriums auf SchülerInnenanträge hin wiederholt aufgeworfen wurde - auch Einzelaspekte politischer Bildung aufweisen, aber den Grundstock für politisches Verständnis, politische Mündigkeit sowie demokratisches Handeln kann nur ein eigenes Fach legen. Dies den SchülerInnen vorzuenthalten aus der unbegründeten Angst, man organisiere dadurch den „Angriff auf den Staat“, wie Frau Hohlmeier in ihrer Regierungserklärung letzten Jahres zu diesem Thema sagte, stellt in unseren Augen eine untragbare Verantwortungslosigkeit gegenüber der Demokratie dar.

Zur „Schülerorientierung“ der bayerischen Bildungspolitik

Von „Schülerorientierung“ in der Entscheidungspolitik der bayerischen Staatsregierung zu sprechen, erscheint uns eher unangebracht. Die Landesschülervertretung als legitimierte Vertretung der bayerischen GymnasiastInnen wurde zu all diesen Themen leider nicht befragt.


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