Main-Echon: Büffeln bis zum Schluss oder Abfeiern ?
23.07.2003: Die letzten Schulwochen vor den Sommerferien: "tot geschlagene Zeit" oder Lernen fürs Leben ? - Wer hat recht ?
Aschaffenburg. "So, ab jetzt ist Party", freut sich Sebastian (19), Kollegiat aus Alzenau, und wirft erleichtert die Schultasche in die Ecke. Das war vor vier Wochen und Sebastian erntete einen kritischen Blick von seinen Eltern. "Wir hatten zwei Wochen lang hitzefrei, aber wir waren mit dem Lehrstoff fertig", erzählt Lina (14), Schülerin am Dalberg-Gymnasium. Anna (12) hatte gleich zwei Tage gar keine Schule, weil die Lehrer der Aschaffenburger Realschule für Prüfungen gebraucht wurden. "Die Schüler und Lehrer schlagen doch nach den Pfingstferien nur noch die Zeit tot", kritisieren viele Eltern dieser Tage. "Nein", entgegnet Carsten Reichert (19): "Die letzten Schulwochen sind die, in denen die Schüler am meisten für das Leben lernen!"
Carsten Reichert hat im Mai sein Abitur am Kronberg-Gymnasium gemacht und ist seit Januar Vorsitzender der Aschaffenburger Schülervertretung (ASV), ein Verein mit knapp 90 Mitgliedern. "Wir wollen die Interessen aller Schüler vertreten und sind unter anderem im Kreis- und Stadtjugendring."
Eltern wissen zu wenig
Für Eltern, die über hitzefrei, häufige Unterrichtsausfälle, Projekt- und Wandertage, Klassenfahrten, Sport- und Schulfeste klagen, hat er einen Tipp: "Sie sollten einfach mal die beiden letzten Wochen vor den Sommerferien an die Schule ihres Kindes gehen. Dann bekommen sie ein besseres Bild." Wer nach der Schule immer nur frage: "Na, wie war's denn heute?", ernte in der Regel nur ein kurzes "gut". An der Kommunikation zwischen Eltern und Kindern hapere es häufig, meint Reichert jedenfalls.
Der 19-Jährige hat zum Beispiel durch ein Schulfest die "Wasserverteilung" verstehen gelernt, bis dato nur trockene Physiktheorie. Man lerne zu organisieren und im Team zu arbeiten. Reichert besuchte mit der Klasse vor den Ferien eine Kläranlage und sah sich gemeinsam einen fremdsprachigen Film im Kino an.
Lina hat eine lateinische Zeitung mit ihren Klassenkameraden erstellt, war am Wandertag im Filmmuseum in Frankfurt und mit dem Deutschlehrer einen Tag beim Hessischen Rundfunk: "Unsere Klasse war Publikum für eine Tiersendung und wir haben live erlebt, wie die Show produziert, was wiederholt und was später weggeschnitten wird."
Oft extremer Leistungsdruck
Lina ist begeistert von den letzten vier Schulwochen. Endlich habe man mehr Zeit für die Freunde und könne sich verabreden. In den Ferien seien wieder alle verreist. Die letzten fünf Schulaufgaben von insgesamt 25 (!) seien in den fünf Hauptfächern schon vor Pfingsten geschrieben worden, aber auch danach, so die Gymnasiastin, hätte man durch Exen und Referate noch Noten verbessern können. "Der Leistungsdruck ist manchmal extrem, vor allem zwischen Fasching und Ostern und kurz vor den Pfingstferien", sagt Lina - und genießt die derzeit laufenden Aktivitäten und Filme, die jetzt in fast allen Fächern gezeigt werden.
Ein Lehrer versuche gerade, der Klasse "die Sexualität näher zu bringen", obwohl das erst im nächsten Schuljahr auf dem Lehrplan stehe. Filme über Genetik, AIDS und über die Verdauung ("war ganz schlimm!") zeigte der Biologielehrer im Unterricht. Alex durfte sich am Dessauer sogar "Das Leben des Brian" ansehen. Sein kleiner Bruder, der die 4. Klasse einer Grundschule besucht, maulte schwer. Er hatte bis zuletzt vollen Unterricht, wie fast alle Grundschüler.
Während die Schüler versuchen, von ihren Lehrern den Notenschlusstermin zu erfahren, versuchen die Lehrer, diesen geheim zu halten und möglichst lange zum Lernen zu motivieren. Die Kollegstufe, so der ASV-Vorsitzende, müsse bis zum 14. Juli büffeln, dann erst sei Notenschluss, während für die übrigen Klassen bereits eine Woche vorher Deadline sei.
"Wir nehmen die letzten Schulwochen durchaus ernst", sagt ein Aschaffenburger Gymnasiallehrer. Und gibt zu, dass Lehrer und Schüler gleichermaßen ausgelaugt und erholungsbedürftig seien - "zu recht, denn unser Schulsystem ist arg verkopft und verlangt gewaltige intellektuelle Leistungen von den Schülern".
In die letzten Schulwochen fielen unzählige Aktivitäten, so dass viele Schüler im Unterricht fehlten, weil sie für sportliche Wettkämpfe trainieren, Konzerte einstudieren oder der Theatergruppe angehören. Sobald indes eine Klasse nicht komplett sei, lasse sich kein wichtiger Lehrstoff durchnehmen, da er sowieso für alle wiederholt werden müsse.
Doch die Projekte am Jahresende seien, so ein Pädagoge, nicht verkehrt, denn sie hätten einen hohen emotionalen Stellenwert: "Ein Schüler wird sich später nicht an eine Drei erinnern, sondern an ein Theaterstück."
Der relativ frühe Notenschluss hat unterschiedliche Gründe: Zum einen müssen die Noten stehen, bevor die Klassenfahrten beginnen, die bewusst ans Ende des Schuljahres gesetzt werden. Denn dann fehlen bestimmte Lehrer für gut eine Woche und werden von Kollegen vertreten. Ist das nicht möglich, fällt schon mal der Unterricht komplett aus.
Zum anderen müssen die Schulen am Ende des Schuljahres jede Menge organisatorische Aufgaben bewältigen. Am Dessauer-Gymnasium werden beispielsweise Schulbücher von rund 1500 Mädchen und Jungen eingesammelt - Bücher, die in den Ferien gesichtet und eventuell ergänzt werden. Das lasse sich nun mal nicht in einer Woche bewältigen.
Ein großes Problem, und daran lässt sich auch per Gesetz nichts ändern: Lustlosigkeit, Demotivation, Ignoranz von seiten mancher Schüler. "Es gibt Leute, die man einfach nicht erreicht, die an keinem Projekt teilnehmen wollen und lieber in die Stadt oder in den Biergarten gehen, statt für eine Aufführung zu proben", bestätigt ein Lehrer.
Dem hält Carsten Reichert entgegen: "Das kann natürlich auch an den pädagogischen Fähigkeiten der Lehrer liegen, die immer noch zu Fachidioten ohne pädagogisches Knowhow ausgebildet werden und Frontalunterricht, statt Projektunterricht machen."
Bremens Bildungssenator Willi Lemke (SPD), der mit seinen Äußerungen über deutsche Schüler für erheblichen Wirbel gesorgt hat, verlangt mehr Disziplin von Schülern und Lehrern, angemessene Kleidung, Pünktlichkeit und Höflichkeit. Außerdem will Lemke Eltern mit Bußgeldern belegen, die ihre Kinder "manchmal eine Woche" vor Ferienbeginn aus der Schule nehmen, um billige Urlaubsangebote zu nutzen. Ein Pauschalurteil.
Die Mehrheit der Schüler sei diszipliniert und pünktlich. "Die Schüler feiern zu Hause Partys, aber nicht in der Schule, und die Entschuldigungen schreiben ja die Eltern", resümiert ein Gymnasiallehrer. Der frühere Urlaubsstart sei eine "große Ausnahme": "Da sind die Schulen sehr rigide!" Heike Taupp

