Pressemitteilung der LSV: "Nachhilfe in individueller Förderung"
16.06.2004: "Landesschülervertretung gibt Nachhilfe in individueller Förderung" - Bayerns Schüler veröffentlichen ihre Vorstellungen von Intensivierungsstunden am achtjährigen Gymnasium
16. Juni 2004 Pressemitteilung der Landesschülervertretung Bayern mit der freundlichen Bitte um Berücksichtigung
"Landesschülervertretung gibt Nachhilfe in individueller Förderung" Bayerns Schüler veröffentlichen ihre Vorstellungen an Intensivierungsstunden am achtjährigen Gymnasium
Gestern wurde mit einer Show-Einlage an einem Münchner Gymnasium ein G8-Leitfaden für Schulen durch Ministerpräsident Stoiber und Kultusministerin Hohlmeier vorgestellt - dazu Lorenz Seibl, Mitglied im LSV-Landesvorstand: "Schon jetzt, ein Vierteljahr vor Einführung des achtjährigen Gymnasiums, ist der Unterschied zwischen den Vorstellungen unserer Staatsregierung und der wirklichen Situation an Bayerns Gymnasien größer als die Entfernung zwischen Spessart und Karwendel."
Der Leitfaden wurde auf einem Kongress erarbeitet, zu dem die gewählten Schülervertreter nicht eingeladen wurden. Als Reaktion auf die Veröffentlichung verschickt die Landesschülervertretung in Kürze ein ausführliches Konzept zu den sog. Intensisivierungsstunden - mit den Ansprüchen, die Schülerinnen und Schüler an sie stellen.
Wie Intensivierungsstunden wirklich aussehen müssten, um Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern, hat die Landesschülervertretung in einem Konzept zusammengefasst. Sie können dieses ab heute Abend im Internet unter www.lsv-by.de/intensivierung herunterladen und finden es auch im Anschluss an diese Pressemitteilung.
Die allgemeine Situtation an den Schulen sei bereits jetzt erschreckend, so Seibl weiter: "Viele Schulen müssen ihr Angebot an Wahlkursen radikal kürzen, was sie als Lebensraum für Schülerinnen und Schüler noch unattraktiver machen wird. Einige Schulen denken schon jetzt aufgrund zu weniger Lehrerwochenstunden darüber nach, Intensivierungsstunden durch nur eine Lehrkraft unterrichten zu lassen.
Wir haben von Anfang an vor dieser überstürzten Einführung des achtjährigen Gymnasiums gewarnt und sehen uns angesichts der aktuellen Entwicklung in unseren Befürchtungen bestätigt. Es ist schade, wie hier mit der Zukunft unserer Mitschüler in der vierten und fünften Klasse umgegangen wird."
Lorenz Seibl abschließend: "Wir wollen und können nur alle Lehrer und Direktoren bitten, sich über die Gestaltung der Intensivierungsstunden intensive Gedanken zu machen und hoffen, mit unseren Überlegungen hierbei behilflich zu sein."
Bei Rückfragen steht Ihnen Lorenz Seibl, Landesvorstandsmitglied, gerne unter der Nummer 0175 - 503 45 23 zur Verfügung.
Konzept der Landesschülervertretung zu Intensivierungsstunden am achtjährigen Gymnasium in Bayern
Am achtjährigen Gymnasium werden sogenannte Intensivierungsstunden eingeführt. Diese sollen nicht der Wissensvermittlung, sondern vielmehr der Vertiefung schon gelernten Stoffes dienen. Für Intensivierungsstunden stellt das Kultusministerium zwei LehrerInnenstunden zur Verfügung, so dass die Klassengröße in diesen drei (bzw. später zwei) Stunden pro Woche halbiert werden kann.
Die LandesschülerInnenvertretung Bayern fordert seit langem, dass der schulische Lernbegriff neu gedacht werden muss. Sturer, lehrplanbasierter Unterricht hat keinen Platz mehr in einer Wissensgesellschaft, steht an bayerischen Gymnasien aber immer noch großteils auf dem Stundenplan. Uns ist bewusst, dass das achtjährige Gymnasium diese Situation eher noch verschlimmert; trotzdem sehen wir in den Intensivierungsstunden die Möglichkeit, wenigstens für drei Stunden in der Woche Unterricht zu verändern.
Damit aber aus Intensivierungsstunden nicht nur noch intensiveres Einpauken nach Lehrplan wird, möchten wir unsere Vorstellungen an eine Intensivierungsstunde formulieren.
Diese basieren auf folgenden Grundüberlegungen:- Individuelle Förderung ist in einer Gruppe mit ca. 15 SchülerInnen (enspricht in etwa einer geteilten Klasse) genauso wenig möglich wie im normalgroßen Klassenverband. - Der Versuch, die Klasse in homogene Lerngruppen aufzuteilen, ermöglicht nicht, sondern erschwert im Gegenteil individuelle Förderung. - SchülerInnen lernen und vertiefen Gelerntes am effektivsten, wenn sie selbstständig Lösungen für Problemstellungen erarbeiten.
1. Aufteilung der Klasse für die Intensivierungsstunde
Hier sei zunächst die Frage erlaubt, ob die Klasse während der Intensivierungsstunde überhaupt aufgeteilt werden muss. Uns erscheint es sinnvoller, die Klasse im Klassenverband zu belassen und stattdessen zwei LehrerInnen im Klassenzimmer einzusetzen. Statt die Klasse in zwei immer noch zu große Gruppen aufzuteilen, sollten Intensivierungsstunden dann in Einzel- oder Kleingruppenarbeit stattfinden (siehe auch -> Lernen in der Intensivierungsstunde).
Diese Überlegung geschieht aus folgendem Grund: Wir glauben, dass sich LehrerInnen anders auf die Intensivierungsstunden vorbereiten, wenn sie sich mit einer anderen Lehrkraft dabei absprechen müssen. LehrerInnen müssen sich dadurch sehr viel stärker mit dem/der einzelne(n) SchülerIn auseinandersetzen und gemeinsam überlegen, wie sie ihn bzw. sie gezielt unterstützen.
Denkbar ist sogar, für die Zeit der Intensivierungsstunden Klassengrenzen aufzubrechen und SchülerInnen zu ermöglichen, mit MitschülerInnen aus der Parallelklasse zu lernen bzw. Gelerntes zu vertiefen. Für die Unterstützung der SchülerInnen stünden dann zwei LehrerInnen pro ursprünglicher Klasse zur Verfügung.
Falsch wäre auf jeden Fall, die Klasse in homogene Lerngruppen aufzuteilen. Dies ermöglicht nicht, sondern erschwert im Gegenteil individuelle Förderung. Schwächere SchülerInnen müssen auch und gerade in Intensivierungsstunden die Möglichkeit haben, von leistungsstärkeren SchülerInnen profitieren zu können. Im Gegenzug profitieren auch Leistungsstärkere, wenn sie leistungsschwächeren MitschülerInnen beim Lernen helfen.
2. Lernen in der Intensivierungsstunde
Schon oben wurde davon gesprochen, dass effektives Lernen bzw. Vertiefen schon gelernten Stoffes nur dann möglich ist, wenn SchülerInnen selbstständig Lösungen für Problemstellungen erarbeiten. Frontale Vorträge haben in Intensivierungsstunden keinen Platz! Stattdessen sollten LehrerInnen den SchülerInnen individuell bei Fragen zur Seite stehen und bei Problemen helfen.
SchülerInnen wissen selbst am besten, in welchen Fachgebieten sie noch Nachholbedarf haben, deswegen sollten sie sich (natürlich mit Unterstützung durch ihre Lehrkräfte) ihre Arbeitsschwerpunkte in der Intensivierungsstunde auch selbst suchen. Manchmal muss der gerade gelernte Stoff nochmals geübt und manchmal schon länger Zurückliegendes wiederholt werden. Und wenn SchülerInnen keinen Nachholbedarf haben, was spricht dann dagegen, in der Intensivierungsstunde ein Buch zu lesen? LehrerInnen sind auch hier wichtige BegleiterInnen des Lernprozesses, nämlich indem sie SchülerInnen individuell Feedback über Stärken und Schwächen geben und vor allem auch Anregungen und Hilfestellungen geben, wie Schwächen beseitigt werden können.
Wenn SchülerInnen die gleichen Problemstellungen bearbeiten wollen, bietet sich natürlich die Arbeit in Kleingruppen mit bis zu drei SchülerInnen an. Auf diese Weise können leistungsschwächere SchülerInnen direkt von leistungsstärkeren SchülerInnen lernen (und Leistungsstärkere wiederum durch Lehren lernen).
3. Welche LehrerInnen sollen in der Intensivierungsstunde unterrichten?
Soll nun der Klassenleiter / die Klassenleiterin oder die FachlehrerInnen im Wechsel oder die LehrerInnen, die gerade Zeit haben, in den Intensivierungsstunden eingesetzt werden?
In der Idee, für die Zeit der Intensivierungsstunden klassenübergreifend zu lernen, liegt bei Beantwortung dieser Frage besonderer Charme. Wenn man für die Zeit der Intensivierungsstunden die SchülerInnen zweier Klassen zusammenfasst, wäre es möglich, bei vier Lehrkräften, die in der Regel ja auch mehr als ein Fach lehren, mindestens eine(n) VertreterIn für jedes Hauptfach (Deutsch, Englisch/Latein, Mathematik) zu haben. Damit wiederum könnten SchülerInnen individuell entscheiden, wo sie am meisten Nachholbedarf haben und womit sie sich in der Zeit der Intensivierungsstunden beschäftigen wollen, denn die Lehrkräfte, welche sie dabei unterstützen, sind da.
Intensivierungsstunden auf eine solche Weise sind natürlich nicht das Allheilmittel, um alle Probleme zu beseitigen und können und wollen dies auch gar nicht sein. Doch sie können ein Schritt weg vom Stoff-Einpauken-für-die-nächste-Schulaufgabe sein. Fatal wäre es, wenn Intensivierungsstunden zur Stoffvermittlung hergenommen werden würden - zu der Vermittlung von Wissen übrigens, welches in den meisten Fällen spätestens nach der nächsten Schulaufgabe schon wieder vergessen ist. Wir wollen und können nur alle LehrerInnen und DirektorInnen bitten, sich weiter über die Gestaltung der Intensivierungsstunden intensive Gedanken zu machen und hoffen, mit unseren Überlegungen hierbei behilflich zu sein.
Bei Rückfragen steht Ihnen Lorenz Seibl, Landesvorstandsmitglied, gerne unter der Nummer 0175 - 503 45 23 zur Verfügung.
Die Landesschülervertretung Bayern e.V. ist die landesweite Vereinigung der 19 bayerischen Bezirksschülersprecher und Bezirksschülersprecherinnen. Diese gab es bisher nur für Gymnasien, die Schaffung von Interessenvertretungsstrukturen für alle Schularten ist eines unserer zentralen Anliegen. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wurden in diesem Schuljahr in bestimmten Bezirken auch für die Realschulen BezirksschülersprecherInnen gewählt. Die LSV e.V. wurde vor zwanzig Jahren von den damaligen BezirksschülersprecherInnen gegründet und bis heute nicht - wie in allen anderen Bundesländern der Fall - gesetzlich verankert und mit Rechten und Finanzen ausgestattet. Es gab Anfang der Neunziger sogar Bemühungen seitens des Kultusministeriums, die LSV aus dem Vereinsregister zu streichen. Dies konnte glücklicherweise verhindert werden.

