Schule in Bayern - Kein Ort für Demokratie und Mitbestimmung?!
20.03.2007: Eine Rede von Ann-Sophie Winter, Vorstand der Landesschülervertretung Bayern e.V. für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, bei der Arbeitnehmerkonferenz des Deutschen Gewerkschaftsbundes „Eine Schule für alle – Länger gemeinsam lernen in Bayern“ am 19. März 2007 in Ingolstadt.
Ich bin eine der Leidtragenden des bayerischen Schulsystems. Mein Name ist Ann-Sophie Winter. Ich bin Bezirksschülersprecherin für die Gymnasien Schwabens und seit 2 Monaten im Vorstand der Landesschülervertretung Bayern e.V. Vor 2 Wochen haben wir den Schülerkongress basis07 in Nürnberg veranstaltet und da ging es auch bereits um das Thema, dass ich ihnen heute vorstellen möchte:
Schule in Bayern - Kein Ort für Demokratie und Mitbestimmung
Wir leben in einem demokratischen Staat, doch in der Schule spürt man davon nichts. Demokratie beschränkt sich in der Schule darauf, einmal im Jahr Klassen- und Schülersprecher zu wählen. Doch genauso wenig kann sich Demokratie darauf beschränken, bei Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen abzustimmen oder sich in einer Partei zu engagieren. Denn Demokratie ist eine Lebenseinstellung. Doch diese ergibt sich nicht von selbst. Sie muss gelernt (geübt) werden, um gelebt werden zu können. Doch sie muss auch gelebt werden, um gelernt werden zu können. Demokratie muss man üben. Und wo soll das gehen, wenn nicht in der Schule?
Doch im Moment gehört Demokratie nicht zur gelebten Schulkultur. Es ist zwar eine Schülervertretung gesetzlich verankert und es wird in den Fächern der Gesellschaftslehre unterrichtet, doch diese Demokratiepädagogik kann auf rein theoretischer Basis nicht funktionieren: Sie erfordert, dass die Schülerinnen und Schüler Demokratie leben. Denn Demokratie bedeutet auch, dass jeder Einzelne selbst Verantwortung übernehmen kann und muss. All das findet man aber in der Schule nur in äußerst schwachem Abglanz wieder. Die Schülerinnen und Schüler müssen die Möglichkeit bekommen, in und außerhalb der Schule selbst Erfahrungen mit Demokratie zu sammeln. Doch das trauen viele Schulen ihren Schülern scheinbar nicht zu: Die Schulleitung löst Konflikte durch Entscheidungen von oben und ohne Einbeziehung der Betroffenen. Deshalb sind es Schülerinnen und Schüler auch nicht gewohnt, aktiv am Schulleben teilzuhaben, sondern konsumieren passiv oder verweigernd.
Wir, die Landesschülervertretung Bayern e.V., kämpfen seit über 23 Jahren für Mitbestimmung. Doch das Kultusministerium versuchte sogar, uns zu verbieten, indem es uns anklagte. Daran sieht man deutlich, dass Mitsprache, und somit Demokratie, politisch nicht gewollt ist.
Wie kann man unter diesen Umständen überhaupt von Demokratie in der Schule oder im Unterricht sprechen? Wie sollen Kinder und Jugendliche unter diesen Voraussetzungen die Erfahrung machen, dass Mitwirkung, demokratisches Handeln und Verantwortungsübernahme erwünscht sind und als wichtig anerkannt werden??
Doch gerade die Schule spielt bei der Vermittlung grundlegender demokratischer Kompetenzen eine besondere Rolle. Sie übernimmt neben der Wissensvermittlung auch eine wichtige Erziehungsfunktion für das Leben in unserer Gesellschaft. Unsere Demokratie und Zivilgesellschaft sind auf das aktive Engagement der Bürgerinnen und Bürger angewiesen. Somit wäre der Rückzug eines großen Teils der Jugendlichen ein Verlust für die Zukunft der Demokratie. Unsere Demokratie ist eine historische Errungenschaft, deren Erhalt und Entwicklung ergibt sich nicht von selbst, sondern hängt von der Bildung aller ab. Sie ist noch nicht vollendet und in ihrem Bestand immer wieder gefährdet. Man kann sich ihrer Zukunftsfähigkeit nie gewiss sein. Es sei denn, wir alle wirken an ihrer Pflege und ihrer Festigung mit.
Demokratie ist auch laut Verfassung Aufgabe und Ziel von Schule. Schule ist die einzige Erziehungs- und Sozialisationsinstanz, die alle Kinder durchlaufen und auch durchlaufen müssen. Somit kann Schule potenziell alle Jugendlichen erreichen und verfügt damit über besondere Möglichkeiten, Jugendliche zu beeinflussen und zu prägen. Somit kann die Schule mehr als alle anderen Institutionen demokratisches Engagement von Jugendlichen mit ihren Mitteln pflegen und fördern. Denn Demokratie muss man lernen und leben. Demokratie lernen heißt Kompetenzen zum demokratischen Handeln erwerben. Und Demokratie leben bedeutet, die Einübung in die Praxis demokratischer Lebensführung. Demokratie ist also noch immer ein Zukunftsprojekt. Wie wissen alle: Demokratien können auch scheitern, wenn wir nicht alle an diesem Projekt mitarbeiten - gerade im Mikro-Bereich der Schule und des Unterrichts!
Denn das Große fängt im Kleinen an. Demokratie-Erziehung muss also bei den jungen Menschen und zukünftigen Bürgern ansetzen. Es geht nicht darum die Schüler zu belehren, sondern ihnen die Sammlung von konkreten Erfahrungen mit lebens- und gesellschaftsnaher Demokratie zu ermöglichen. Demokratie-Lernen erweist sich insgesamt als eine schwierige, umfangreiche Aufgabe, die aber auch lohnend und voller Chancen ist. Sie sollte lebensnah, konkret und praktisch angegangen werden. Die Schüler müssen Erfahrungen mit den vielen Schwierigkeiten, Problemen, Konflikten und Anforderungen des demokratischen Prozesses sammeln. Der Schlüssel zum Erfolg sind hier Erfolgserlebnisse, die den Schülerinnen und Schülern zeigen, dass Engagement für die Schule nicht vergebliche Mühe ist, sondern tatsächlich etwas verändern kann. Man muss ihre Meinung und ihr Engagement wertschätzen. Diese Wertschätzung kann man den Schülerinnen und Schülern dadurch zeigen, dass man sie bei Entscheidungsprozessen einbindet. Deshalb sollte beispielsweise die Schulleitung nicht mehr Entscheidungen über die Köpfe der Schülerinnen und Schüler hinweg treffen, sondern mit ihnen gemeinsam. Denn nur so werden Regeln von allen akzeptiert und respektiert. Denn wenn Entscheidungen tragfähig sein sollen und auch praktisch umgesetzt werden sollen, müssen sie breite Akzeptanz finden und von möglichst vielen getragen werden. Das werden sie aber wirklich nur dann, wenn auch möglichst viele daran mitgewirkt haben.
Viele Schulen haben gute Erfahrungen gemacht, wenn man den Schülern keine fertigen Verbote mehr vorsetzt, sondern mit ihnen gemeinsam einen Verhaltenskodex oder eine Schulverfassung vereinbart. Auch die Einführung von Klassenräten sorgt für mehr Partizipation und Verantwortungsübernahme durch Schüler. Die Meinung der Schülerinnen und Schüler muss als Bereicherung des gemeinsamen Lebens an und in der Schule gesehen werden - und nicht als Störfaktor. Deshalb ist es die Aufgabe der Lehrer und der Schulleitung, dass sie die Entwicklung der eigenen Meinung und Ideen der Schüler aktiv fördern. So kann man ein Klima der Partnerschaftlichkeit schaffen, in dem sich die Schülerinnen und Schüler am täglichen Schulleben in- und außerhalb des Unterrichts beteiligen. Schule wird dadurch von der Lehranstalt zum Lebensraum.
Demokratie muss man lernen und üben, und das macht man, indem man sie lebt. Wir, die Landesschülervertretung Bayern e.V., machen uns dafür stark und haben deshalb vor kurzem eine Kampagne für mehr Demokratie an Bayerns Schulen gestartet. Die vier Ziele dieser Kampagne sind: Klassenräte für alle, mehr Evaluation der Lehrer, die Stärkung des Schulforums sowie eine anerkannte Schülervertretung für Bayern. Gemeinsam können Sie und ich auch im Freistaat Bayern etwas bewegen: Revolution Weiß-blau.
Vielen Dank.

