JugendNachrichten - Zensur wichtiger als Reform der Schule?
01.07.2002: Artikel in der Zeitung des BJR
Zensur wichtiger als Reform der Schule? Marion Bachmeier und Simon Sinsel, Bezirksschülersprecherin und -sprecher Niederbayern; Landesschülervertretung Bayern e.V. äußern sich zur aktuellen bundespolitischen Debatte über Gewalt an Schulen
Dunblane, 1996, Jonesboro, 1998, und Littleton, 1999. Drei Orte, die in uns schreckliche Erinnerungen hervorrufen. Damals hieß es noch: "So etwas kann nur anderswo passieren!", aber seit Bad Rei-chenhall, Meißen und spätestens seit Er-furt, wissen wir, dass dem nicht so ist. Und besser noch: Der Amoklauf in Erfurt hat die amerikanischen Attentate sogar noch um einiges an Grausamkeit übertrof-fen. Doch über die Einzelheiten dieses tra-gischen Vorfalls wissen wir mittlerweile mehr als genug.
Politischer Schnellschuss im Wahlkampf
Jetzt geht es vielmehr darum, die Ursachen herauszufinden und auch zu handeln! Je-doch nicht mit dem feurigen Aktionismus deutscher Politiker. Die Suche danach muss mit einem klaren Verstand durchge-führt werden, der nicht von den Ergebnis-sen der nächsten Wahlen benebelt wird. Schnellschüsse, wie das Verbot "gewalt-verherrlichender" Computer-Spiele und das Heraufsetzen der Altersgrenze zur Volljäh-rigkeit, sind zu speziell oder einfach nur realitätsfern. Denn: Wer kann sich mittler-weile nicht sein PC-Spiel aus dem Internet downloaden oder seine/n über 21 jährige/n Freund/-in bitten, ihm das zu besorgen, was er oder sie auch immer braucht?
Gewalt an Schulen ist ein generelles Phänomen
Voriges war schnell gesellschaftlicher Kon-sens, doch andere Ursachen-Felder, wie die Schule oder das Bildungswesen an sich, sind schnell von der politischen Agen-da verschwunden. Dabei ist gerade in der Schule großer Handlungsbedarf. Oder ist es nicht verwunderlich, dass das Attentat gerade in einer Schule stattfand? Sicherlich nicht, denn auch Gewalt im All-gemeinen ist an Schulen mittlerweile omni-präsent: Mobbing, Erpressungen und Schlägereien, um nur einige Arten von Ge-walt zu nennen, sind Gang und Gebe in un-seren Bildungstempeln. Das ganze System "Bildung" anzuzweifeln oder zumindest in ihren Grundsätzen zu überdenken, ist für die meisten aber unvorstellbar.
Gute und schlechte Schüler/-innen?
Eine Ursache für die Gewalt an Schulen ist beispielsweise die offensichtliche Perspek-tivlosigkeit, die die Schüler/-innen v.a. der Förder- und Hauptschulen schon zu Beginn ihrer "Schulkarriere" vermittelt bekommen. Es ist die generelle Trennung von guten und (vermeintlich) schlechten Schüler/-innen und daraus folgend auch die gesell-schaftliche Geringschätzung für diese "nie-deren" Schulen. Die Schüler/-innen gehen schon mit dem Gefühl in die Schule "sozia-ler Abschaum ohne Zukunft" zu sein. Das lässt natürlich entsprechende Freiräume für Aggression und Gewalt gegenüber Mit-schüler/-innen und auch Lehrer/-innen.
Sparen bei der Prävention
Selbst die Prävention schon existenter Ge-walt wird nicht entsprechend gefördert. Es fehlt an der gezielten Aus- und Fortbildung der Lehrer/-innen, um Gewalt in der einzel-nen Klasse zu erkennen und sie in ange-messener Weise zu bekämpfen. Außerdem müssen mehr Schulpsychologen/-innen eingesetzt werden, um sich um die Leidtra-genden schulischer Gewalt zu kümmern. Die derzeitige Versorgung mit Schulpsy-chologen/-innen an bayerischen Haupt-schulen beispielsweise ist völlig unzurei-chend. Ein/e Schulpsychologe/-in muss hier, laut Statistik des Landesverbands bayerischer Schulpsychologen, 9827 Schüler/-innen betreuen. Und letztlich ha-pert es auch an der gezielten Förderung der Eigeninitiative von Schüler/-innen in der Gewaltprävention, so z.B. an der Ausbil-dung zum/r Streitschlichter/-in oder Media-tor/-in teilzunehmen.
Konkurrenz und Egoismus
Denn auch innerhalb der Klassengemein-schaft selber hat sich während der letzten Jahre einiges geändert, was zu einem er-höhten Gewaltpotenzial führt: Ein erhöhter Leistungsdruck und fehlende Identifikation mit der eigenen Schule sind einige Ursa-chen für das Konkurrenzdenken und den Einzug der "Ellenbogen-Gesellschaft" auch in Schulen. Die Schüler/-innen denken nurmehr an sich und müssen sich alleine durch ihr Schulleben schlagen - im wahr-sten Sinne des Wortes.
Nicht Zensur, sondern Wandel
Gesellschaft und Schule muss sich also ei-nem kompletten Wandel unterziehen, damit Schüler/-innen sich anerkannt und sich in ihrer Schule integriert fühlen, sie als Le-bensraum betrachten und - um es auf den Punkt zu bringen - einfach wieder gerne in die Schule gehen. Dies gilt es zu erreichen und nicht, Heavy-Metal-Musik ein für alle mal aus den Plattenläden zu verbannen.

