SZ-Gespräch mit den Organisatoren des Schülerkongresses "basis '03"
11.03.2003: "In Bayern ist alles auf Leistung fixiert"
Simon Sinsel und Sonya Popa-Henning über die Schwächen des Bildungssystems im FreistaatZum zweiten Mal veranstaltet die Landesschülervertretung (LSV) am kommenden Wochenende einen Kongress. 800 Schüler haben sich zu "basis ’03" angemeldet. Auftakt ist am Freitag. Gymnasiasten, Real- und Hauptschüler diskutieren drei Tage lang an der Universität Regensburg über wichtige Fragen ihres Schulalltags, darunter die Rolle der Schülermitverantwortung (SMV) in Bayern sowie geplante Reformen der Staatsregierung. Sonya Popa-Henning, Schülersprecherin am Wirsberg-Gymnasium in Würzburg, und Simon Sinsel vom Gymnasium Pocking haben den Kongress organisiert.
SZ: Wollten Sie nicht dieses Mal gemeinsam mit dem Kultusministerium zu einem Schüler-Kongress laden?
Popa-Henning: Das wurde immer wieder verschoben. Momentan gibt es Pläne für einen Kongress im Herbst. Ob und in welcher Weise wir dabei mitwirken, ist jedoch völlig unklar.
SZ: Welche Themen werden Sie in Regensburg diskutieren?
Popa-Henning: Die Schülervertretung hat von Gesetzeswegen her in Bayern nichts zu sagen. Ein wirkungsvolles Anhörungsrecht gibt es für uns nicht. Das Schulforum, in dem Eltern, Lehrer und Schüler sitzen, wurde zwar gestärkt. Es kann über das Profil einer Schule mitentscheiden oder zur inneren Schulentwicklung beitragen. Entscheidungen müssen aber einvernehmlich getroffen werden. Und das letzte Wort hat dann immer noch der Direktor oder die Schulaufsichtsbehörde. Wir wollen aber endlich wirkliche Kompetenzen.
Sinsel: Banal gesagt, wir wollen nicht nur Kuchen verkaufen, sondern auch einmal unserem Lehrer sagen, dass er sein Tafelbild besser machen soll.
Popa-Henning: Oder, dass er mal mit uns und nicht nur mit der Tafel spricht.
SZ: Das klingt ja so, als gäbe es noch immer nur den klassischen Frontalunterricht. Sollten nicht längst neue, fächerübergreifende und projektbezogene Lehr-Methoden Standard sein?
Sinsel: Also ich hatte bislang nur Frontalunterricht. In keiner meiner Kollegstufen-Stunden gab es nur annähernd so etwas wie Gruppenarbeit.
SZ: Während der Amtszeit von Kultusministerin Monika Hohlmeier hat sich also nichts wesentlich verändert?
Popa-Henning: Es ist schon ein Gesprächsklima entstanden. Aber eine wirkliche Mitsprache wie in anderen Ländern gibt es nicht.
Sinsel: Frau Hohlmeier hat zwar neue Ansätze gebracht. Die Innovationen sind aber häufig von oben aufgesetzt. Auch sind sie nicht soweit gediehen, dass man sagen kann, dass sie alle Schulen erreichen.
Popa-Henning: Wichtig ist, wir Schüler müssen ein Anhörungsrecht bei Gesetzesänderungen erhalten, also gefragt werden, wenn beispielsweise ein Fünf-Fächer-Abitur eingeführt wird.
Sinsel: An Haupt- und Realschulen gibt es zum Teil nicht einmal Schülersprecher. Eine SMV an allen Schulen ist wirklich das Mindeste.
SZ: Wie beurteilen Sie die vergleichsweise guten Pisa- Ergebnisse in Bayern?
Popa-Henning: Ich habe bei Pisa mitgeschrieben. Die Fragen waren sehr wissensspezifisch. In großen Teilen war das für mich ein reiner Abfragetest. Da ist es klar, dass Bayern gut abschneidet.
SZ: Es gibt also weiterhin Anlass genug, Kritik am bayerischen Schulsystem zu üben?
Popa-Henning: In Bayern ist alles sehr stark auf Leistung fixiert. Die Frage ist, ob man mit einem System, das weniger Druck auf Schüler erzeugt, nicht auch gute Ergebnisse erzielen kann. Ob also die frühe Selektion nach der vierten Klasse wirklich sein muss. Oder ob man nicht die Grundschulzeit verlängern kann.
SZ: Wären Sie für zwei weitere gemeinsame Jahre, wie sie letztlich auch der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband gerne hätte?
Popa-Henning: Es können auch mehr sein. In erfolgreichen Pisa-Ländern wie Finnland klappt es auch, dass Schüler neun Jahre gemeinsam zur Schule gehen.
SZ: Die jüngste Pisa-Studie spricht von einer Beliebigkeit der Lehrer bei der Notengebung. Trifft das zu?
Popa-Henning: Auf jeden Fall. Damit dürften auch Pläne der Staatsregierung hinfällig sein, in der zweiten Klasse Grundschule wieder Noten einzuführen.
Sinsel: In Mathe geht es ja noch. Aber in Deutsch sind die Unterschiede von Lehrer zu Lehrer schon drastisch. Für Schüler ist oft nur mehr die Frage wichtig, ob der Lehrer sie mag. Danach wählt man auch seine Kurse in der Kollegstufe, was eigentlich nicht Sinn der Sache ist.
SZ: Was wäre die Alternative?
Popa-Henning: Ausformulierte Gutachten, die nicht nur Schüler, sondern auch Eltern verstehen.
Sinsel: Lehrer sollten zusätzlich zu den Noten Anhaltspunkte geben, wie man eine gute Note erreichen kann.
SZ: Pisa hat deutlich gemacht, dass Kinder aus sozial schwachen Schichten oder mit Migrationshintergrund kaum Chancen auf einen höheren Schulabschluss haben. Spiegelt sich das im Klassenzimmer wider?
Sinsel: Also in meiner Klasse gibt es keinen ausländischen Schüler.
Popa-Henning: In meiner auch nicht. Eine frühe Förderung und eine längere Grundschulzeit wären deshalb sehr wichtig und auch eine Ganztagsbetreuung.
SZ: Was halten Sie von dem Vorschlag des Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, künftig schwierige Kinder auch von der Hauptschule verweisen zu können?
Popa-Henning: Den halte ich für ganz schlimm. Schülern, die Probleme oder gar Störungen haben, sollte man helfen. Man kann sie doch nicht einfach ohne Abschluss auf die Straße setzen. Gerade nach Erfurt sollte man solche Dinge nicht mehr ins Auge fassen.
SZ: Die Staatsregierung will die gymnasiale Oberstufe reformieren. Sehen Sie ebenfalls Bedarf, hier etwas zu ändern?
Popa-Henning: Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass man Kurskombinationen auflockert. Also dass man wieder mehr nach Interesse wählt.
SZ: Bislang scheint eher das Gegenteil geplant zu sein. Sie sollen künftig in fünf Pflichtfächern ihr Abitur schreiben?
Popa-Henning: Die Frage ist, ob man dadurch tatsächlich mehr Grundwissen erhält. Ich denke, durch einen fächerübergreifenden Unterricht festigt sich dieses doch eher als durch weitere Prüfungen.
SZ: Haben Sie diese Position in die Bildungskommission eingebracht?
Sinsel: Schon, aber in der Kommission sitzt eine einzige Schülerin, ansonsten sind vor allem die Wirtschaft, Kirchen und Lehrer vertreten.
Popa-Henning: In der Kommission sitzen viel zu viele Leute.
SZ: Sie versprechen sich also von dem Gremium wenig?
Sinsel: Eine generelle Infragestellung des Gymnasiums ist dort gar nicht möglich, wenn schon zu Beginn erklärt wurde, dass man am Kurssystem festhalte.
Interview: Christine Burtscheidt
Süddeutsche Zeitung, 11.03.2003

