Regensburger Resolution
18.03.2003: Schülerkongress fordert offizielle Vertretung auch für Haupt- und Realschulen - Ministerium sichert Prüfung zu
Von Rolf Thym
Regensburg - Die Schülerin, die am Abend des zweiten Kongresstages auf einer
Betonbank schlief, war scheinbar die einzige, die deutliche Anzeichen von
Erschöpfung zeigte. Um sie herum herrschte einiger Trubel, obwohl es schon spät
am Abend war: Immer wieder dröhnten Megaphon- Durchsagen durch das Foyer vor
dem Audimax der Uni Regensburg. Ein paar Meter weiter machte eine Band ihren
Soundcheck. In allen Ecken wurde lautstark debattiert. Emsige Helferinnen
und Helfer arbeiteten an Computern. Und in sieben Hörsälen erörterten
Schülerinnen und Schüler mit Vertretern der Lehrerschaft bis in die Nacht
hinein, was
alles dringend verbessert werden müsse an den bayerischen Schulen.
Schon allein wegen des heftigen Andrangs waren Julia Strutz, Simon Sinsel
und Sonya Popa-Henning - alle drei waren Organisatoren von "Basis '03"
-
äußerst zufrieden mit der Tagung, die sie ein Jahr lang gemeinsam mit vielen
anderen vorbereitet hatten: 832 Schülerinnen und Schüler und auch einige
Lehrer
waren am Wochenende zu "Europas größtem Schülerkongress", wie Julia
Strutz mit
sichtlicher Freude sagte, nach Regensburg gekommen. Die zwischen 15 und 18
Jahre alten Teilnehmer des "Basis '03" getauften Treffens engagieren
sich an
ihren Schulen in der Schülermitverantwortung, der SMV.
Der Wille, gegen "Missstände" an den bayerischen Schulen vorzugehen,
sei
"groß wie nie", sagte Sylvia Popa-Henning - dies wurde dann besonders
deutlich
am Ende des Kongresses: Einstimmig verabschiedeten die SMV-Vertreter eine
Resolution, in der "für alle Schularten" eine von den Schulleitungen
und dem
Kultusministerium anerkannte Schülervertretung gefordert wird. "Es kann
nicht
sein", so hieß es in dem Text, dass Bayern in dieser Hinsicht "immer
noch
Entwicklungsland ist" und "dass das Kultusministerium uns nicht
zutraut, wirkliche
Verantwortung zu übernehmen". Deshalb müsse auch Haupt- und Realschülern
"die
Möglichkeit gegeben werden, BezirkschülersprecherInnen zu wählen, um ihre
Interessen auch überschulisch zu vertreten". Zudem müsse die Schülerschaft
"aktiv eingebunden werden, wenn es um Gesetzes- oder Lehrplanänderungen
geht".
Verbesserungen im Alltag
Ob diese Forderungen im Kultusministerium auf offene Ohren stoßen, bleibt
abzuwarten. Immerhin stellte sich Kultusstaatssekretär Karl Freller in
Regensburg den Anliegen der "Basis '03"-Teilnehmer, und er versprach,
mit
Schülervertretern die Ergebnisse des Kongresses zu besprechen. Alle Ideen,
Vorschläge
und Forderungen des SMV-Treffens in Regensburg sollen in einer Dokumentation
zusammengefasst werden, in der es um eine Fülle von Details zur Verbesserung
des Schulalltags gehen wird - etwa um das vom Kultusministerium angestoßene
Reformprojekt "Schulinnovation"; dieses komme, wie Julia Strutz meint,
"nicht
vom Fleck", weil einerseits "viele Schüler gar nicht wissen, was das
ist", und
zum anderen, weil so mancher Direktor glaube, "dass an seiner Schule alles
gut ist, wie es ist".
Übrigens zeigte das Regensburger SMV-Treffen, zu welchen Leistungen
Schülerinnen und Schüler fähig sind, wenn sie Spaß an ihrer Arbeit haben:
Den
Kongress, der immerhin 60 000 Euro gekostet hat, finanzierten die Organisatoren
ohne
jeglichen öffentlichen Zuschuss. Mit Hilfe von Sponsoren- Firmen sammelten
sie die beachtliche Summe ein, und abgesehen von jugendtypischer Lässigkeit
unterschied sich "Basis '03" im Prinzip kaum von professionellen
Tagungen: Das
Programm war straff organisiert, Handzettel informierten über die Themen und
Gesprächsrunden, und der Internetauftritt (www.basis03.de)
konnte sich
ebenfalls sehen lassen.
Süddeutsche Zeitung - 18.03.2003

