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Edmund Stoibers Plan

12.11.2003: Süddeutsche Zeitung: Acht Jahre Gymnasium - wie geht das?
Lehrplan, Wochenstunden, Mehrarbeit für die Lehrer: Welche Konsequenzen das neue Schulmodell hat. Von Anja Burkel

Schneller zum Abitur - seit Ministerpräsident Edmund Stoiber mit überraschender Eile das achtjährige Gymnasium (G8) einführen will, warten die Gymnasien auf konkrete Vorgaben aus dem Kultusministerium. Viele Details müssen dort noch geklärt werden. Die wichtigsten Fragen beantworten wir schon einmal hier.

Wer wird das G8 besuchen? Alle Kinder, die im Schuljahr 2004/2005 in die fünfte Klasse eines öffentlichen Gymnasiums kommen. Auch Kinder, die schon am Gymnasium sind, sollen laut Stoiber die Möglichkeit bekommen, in den achtjährigen Zug zu wechseln. Für welche Jahrgangsstufen jetziger Gymnasiasten das gilt, ist noch genauso ungeklärt wie die Frage, wann das G8 an Privatgymnasien umgesetzt wird.

Wie wird das G8 aussehen? Laut Kultusministeriums wird es genauere Auskünfte erst in einigen Wochen geben. Klar ist aber: Bei der achtjährigen Gymnasiallaufbahn entfällt die elfte Klasse. Nach der zehnten kommen die Schüler direkt in die Kollegstufe mit anschließender Abiturprüfung. Konzepte, wie man im Jahr 2013 den doppelten Abiturientenjahrgang abfedern will, der in die Universitäten und auf den Arbeitsmarkt drängt, gibt es noch nicht.

Bleiben Stoff und Stundenzahlen gleich? Nein. Die Schüler müssen mit zwei bis vier Stunden zusätzlichem Unterricht rechnen. Damit solle die Qualität des geplanten achtjährigen Gymnasiums gesichert werden. "Ohne Intensivierungsstunden ist das G 8 nicht zu machen", sagt Monika Hohlmeier. Ein Sprecher des Ministeriums erklärt auch, man werde die Erfahrungen des G8-Modellversuchs, der bereits an 16 bayerischen Gymnasien läuft, in das flächendeckende achtjährige Gymnasium einfließen lassen. Dabei haben Fünftklässler bis zu 34 statt 30 Stunden Unterricht pro Woche, Zehntklässler 38 statt 34 Stunden.

Wie sieht dieser Modellversuch aus? An den beteiligten Gymnasien läuft er derzeit parallel zum neunstufigen Zug. Das Modell gibt es in zwei Formen: Als Ganztagsgymnasium mit Intensivierungsstunden, Übungs- und Hausaufgabenzeiten, Erholungsphasen und Freizeitangeboten. Und als "G8 in Normalform" ohne ganztägige Betreuung, bei der der Unterricht aber durch die Intensivierungsstunden in den Nachmittag hineinreicht. Pflichtwahlfächer wie Differenzierter Sportunterricht, Chor oder Theater fallen aber weg.

Welche Münchner Schulen sind am G8-Modellversuch beteiligt? In staatlicher Hand das Michaeli-, Asam- und Gisela-Gymnasium, in privater das Isar-Gymnasium und das Nymphenburger Gymnasium mit G8-Zug in Ganztagesform. Beispiel Michaeli-Gymnasium: Dort lernen mittlerweile knapp 100 Schüler von der fünften bis zur achten Klasse auf dem schnelleren Weg. Bislang ist der Zug vor allem zur Förderung begabterer Kinder angelegt, auch wenn für die Aufnahme kein bestimmter Notenschnitt gefordert wird. Bislang, sagt der stellvertretende Schulleiter, hielten alle Schüler gut mit im Programm.

Werden jetzt alle Gymnasien Ganztagesschulen? Nein. Das geplante achtjährige Gymnasium wird nicht in Ganz- sondern in Halbtagsform eingeführt. Der Unterricht erstreckt sich aber oft in den Nachmittag.

Müssen die Lehrer im G8 mehr arbeiten? Ja. Hohlmeier zufolge müssen sie im Zuge der allgemeinen Arbeitszeitverlängerung für Beamte damit rechnen, dass auch ihr Anteil an Pflichtstunden vergrößert wird. Derzeit muss ein Gymnasiallehrer bei insgesamt 40 Wochenstunden 23 bis 27 Stunden Unterricht geben. Wie stark auch der Anteil der Pflichtstunden steige, sei noch offen.

Was passiert mit den neuen Lehrplänen am Gymnasium? Laut Monika Hohlmeier sollen am achtjährigen Gymnasium die selben Lehrpläne wie am neunjährigen gelten. An der "Wissenspalette" der Klassen fünf bis 13 würden keine Abstriche gemacht.

Was spricht dagegen? Der Philologenverband, der die Gymnasiallehrer vertritt, warnt vor "erheblichen Qualitätseinbußen". Ria Rohrwild-Streng vom Personalrat des Münchner Schulreferats sieht in der Änderung eine verdeckte Sparmaßnahme. Weil langfristig weniger Lehrer eingestellt würden, kämen auch weniger junge Lehrer zum Zug. Die Arbeitsbedingungen für Pädagogen verschlechterten sich, während den Schülern das "für die persönliche Entwicklung wichtige 13. Jahr" genommen werde. Auch die bayerische Landesschülervertretung steht den Plänen "sehr, sehr skeptisch gegenüber", wie Sprecherin Sonya Popa-Henning erklärt. "Viel Nachmittagsunterricht von der fünften Klasse an" widerspreche den Vorstellungen der Vertretung von einer "selbstbestimmten Schule mit Freiräumen". Man befürchte zudem einen überzogenen Leistungsdruck auf die Schüler.

Was spricht dafür? Professor Heinz Mandl vom Institut für Pädagogische Psychologie der LMU München glaubt, mit dem G8 würden junge Menschen schneller mit der Realität außerhalb der Klassenzimmers konfrontiert. "Bis zum 20. Lebensjahr in der Schule zu bleiben, hemmt die Entwicklung zum Erwachsensein." Auf keinen Fall dürfe der gesamte Stoff von neun Jahren aber in acht gepresst werden. "Das könnte Jugendliche tatsächlich überfordern." Vielmehr müsse man den Stoff reduzieren und neue Lernformen einbringen. Ministerpräsident Edmund Stoiber, von dem die G8-Pläne stammen, argumentiert mit zunehmendem internationalen Wettbewerbsdruck. Im europäischen Ausland liege das Durchschnittsalter für Hochschulabsolventen weit niedriger als in Deutschland.


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